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20.11.2019
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Zirkus, Zirkus - ein Erlebnisbericht

Vor mehr als zwei Jahren kam Sonderpädagogin Dr. Katrin Jeschke auf Förderverein und Schulleitung zu und berichtete, dass an der ehemaligen Schule ihrer Kinder gerade ein Zirkusprojekt anlaufe. Sie fragte: Wäre das nicht auch etwas für uns? Wollen Sie sich das vielleicht mal ansehen?

Neugierig geworden, fahre ich also mit Familie just am Tag der Deutschen Einheit 2008 -wie sinnig- als ehemaliger "Wessi" in den östlichen Bezirk Pankow. Was wir erleben, zieht mich und meine ansonsten nicht wirklich zirkusbegeisterte Familie in seinen Bann. Uns völlig fremde Kinder schaffen es, uns mit ihren eingeübten Kunststücken zu faszinieren und so manche Träne der Rührung in die Augen zu treiben. - Wie würde das erst werden, wenn unsere "eigenen" Franz-Marc-Kinder dort unten auftreten? Es brauchte also nicht mehr viel Überzeugungsarbeit...

Die spannendste Frage ist: Wann bekommen wir überhaupt einen Termin beim beliebten Circus Tausendtraum. Denn eins ist von Anfang an klar: Wenn Zirkus, dann diesen! Als frühester Termin wird uns dann "Ende Oktober 2010"  genannt. Ausgerechnet im späten Herbst und trotzdem noch so lange hin! Nun gut, wir wollen das, also bleibt nur, das beste fürs Wetter zu hoffen. Außerdem soll das Zelt beheizbar sein, erfahren wir - kleiner Trost.

Organisatorische Dinge sind nun zu klären: Wo kann man in Tegel ein Zirkuszelt aufstellen? Na klar, vor der Humboldt-Bibliothek, dort stehen ja oft Zelte. Denkste, "hier besteht ein genehmigter Bauantrag" bekommen wir zu hören, "dort wird zu dieser Zeit definitiv gebaut". Nun, was "definitiv" heißt, darüber können wir jetzt noch einmal nachdenken... Zum Glück gibt´s vom selben Amt noch einen Hinweis: das brach liegende Grundstück hinter dem Borsigturm!  Ja! Ein bisschen weiter entfernt von der Schule, aber gar nicht schlecht und groß genug.

Was sind wir froh, als Monate später endlich der Vertrag unter Dach und Fach ist. Nächste Aufgabe: Wie bekommt man die ganze notwendige Infrastruktur dort hin, angefangen bei Strom und Wasser bis hin zu Toiletten? Was muss überhaupt alles noch organisiert werden? Hier zeigt sich, dass es gut ist, Leute um sich zu haben, die sich ein wenig auskennen. Denn wenn Du erstmal herausgefunden hast, wen Du fragen musst, dann ist vieles halb so wild.

Ja und so gehen dann irgendwie zwei Jahre ins Land, in denen unzählige Male mit Ämtern und Unternehmen, oder mit dem Zirkus telefoniert oder gemailt wird.

Dann, endlich, Zirkus zum Anfassen: Luno-Tag am 23. September 2010. Zum ersten Mal so etwas wie Vorfreude und Begeisterung bei den Kindern erleben und Du weißt: Die vergangenen Monate hatten ein Ziel! Noch rund vier Wochen - Endspurt bei den Vorbereitungen. Wird der Stromanschluss rechtzeitig geschaltet? Und, ach ja: Da ist ja noch ein wenig Wildwuchs auf dem Grundstück am Borsigturm. Wer macht uns daraus zwar keinen Golfplatzrasen, aber doch ein begehbares Gelände?

Wie wir heute wissen, wurden diese Fragen alle beantwortet und die Geschichte ging gut aus. Durchatmen.

Samstag früh, es sind noch Herbstferien.

Exakt zwei Minuten nach 8 Uhr früh klingelt das Handy: "Wir sind da. Wäre schön, wenn Du gleich mal vorbeikommst, wenn Du deinen Kaffee ausgetrunken hast." Wir sind längst beim "Du" mit den Zirkusleuten und uns wohl von Anfang an sympatisch. Später am Tag gibt´s dann noch einen gemeinsamen Kaffee im Zirkus-Wohnwagen. Gemütlich.

Es ist ein wirklich strahlender Herbsttag dieser Sonnabend und die schlimmsten Wetterbefürchtungen hatten sich zumindest für diesen Tag in (kalter!) Luft aufgelöst. Arne Hoog und ich können uns gar nicht davon lösen, den Zeltaufbau zu beobachten. Es ist spannend zu sehen, mit welcher Routine und gleichzeitig mit welchem Spaß die Crew das bewerkstelligt. Doch man muss auch betonen: Es ist echte Knochenarbeit! Hut ab.

Sonntag dann die nächste Bewährungsprobe für unsere eigene Organisation: Werden trotz Ferien alle Helfer für den Innenausbau da sein? Und wie! Ein kleiner Ameisenstaat bewegt sich immer zwischen LKW und Zelt hin und her und im Nu stehen die Tribünen.

Zwischendurch greife ich immer wieder zur Kamera und versuche, das Ganze irgendwie einzufangen. Mein Gedanke: Wer dies alles nicht miterlebt, der soll sich wenigstens von zuhause ein Bild machen können, was hier gerade abgeht. Also ran an den Computer, Fotos ab ins Netz!

Montag Morgen: Die Woche beginnt!

Die Turnhalle wird an diesem Tag zur Manege. Die Jungs vom Zirkus zeigen, was sie so drauf haben und machen Lust auf mehr. Die Kinder bekommen ihre Rollen und wissen nun ob Sie als Clown, Zauberer oder Fakir, auf dem Boden oder dem Hochseil auftreten werden.

Und: Immer noch kein Training der Kinder selbst! Bleiben ja nur vier Tage zum Üben! Und das soll ab Freitag dann klappen? Zweifel? - Vertrauen! Circus Tausendtraum macht so was schon lange, immer nach dem gleichen Muster. Und ich selbst hab´ das Ergebnis ja schon mit eigenen Augen gesehen.

Zum Glück habe ich mir diese Woche frei genommen, kann überall mal kurz beim Training reinschauen. Bei den Fakiren riecht´s nach Rauch. Die Fackel flößt Respekt ein. Bei den Jongleuren fliegen Bälle, Ringe und Diabolos durch die Luft - und noch oft zu Boden. Ist ja noch Zeit! Nebenan hinter dem Vorhang auf der Bühne der Aula klettern Kinder auf Leitern und wieder herunter. Bei den Clowns geht´s nicht nur lustig zu: Um spaßig zu sein, muss man sich auch mal beherrschen und hinhören was der Trainer sagt.

Am Mittwoch "hoher Besuch": Die Stadträtin kommt. Frau Schultze-Berndt hatte die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen und lässt es sich nicht nehmen, die Trainingsaktivitäten der Kinder aus nächster Nähe zu betrachten.

Dann gönne ich mir einen ganzen Vormittag Zeltprobe. Ja, mittendrin statt nur dabei. Die Kinder lernen, wie Sie am Wochenende zu ihrem Auftritt in die Manege kommen und hinterher wieder abgehen sollen: lächeln, verbeugen, winken. Und zwischendurch natürlich noch richtig jonglieren, mit Schmackes in Glasscherben springen oder sich gemeinsam zu einer Pyramide auftürmen.

Und plötzlich ist es Freitag Nachmittag.

Das Training im Zelt ist tatsächlich beendet. Ab jetzt laufen drinnen und draußen die Vorbereitungen für die erste Vorstellung am Abend und die weiteren morgen und übermorgen. Ein Gefühl von "showdown". Jetzt gilt´s! Wie wird es sein, wenn bis zu 400 Zuschauer kommen? Wird´s überhaupt so voll? Wird es voller, gibt es Gedränge?

Wir bauen den Stand für die Bewirtung der Zirkusbesucher auf. Getränkekästen werden geliefert, erste Kuchen abgegeben. Ein paar Schilder an den Stahlpfeilern anbringen, schleßlich soll man sehen, wer hier diesen ganzen Zirkus veranstaltet. Noch Lampen befestigen, abends ist´s schon dunkel zu dieser Jahreszeit.

17 Uhr - die ersten Zuschauer kommen, Eltern, die ihre Kinder eben am Hortgebäude abgegeben haben und jetzt schon gespannt sind auf das, was gleich im Zelt passiert. Einlass, das Zelt füllt sich.

18 Uhr: die erste Vorstellung beginnt

Jetzt geht´s wirklich los! Das Zelt ist voll. Die Kinder kommen! Ihren kleinen Marsch vom Hort hierher haben sie hinter sich, das Zirkuszelt vor sich. Drinnen kommt schon Stimmung auf. Die Kinder laufen ein. Jubel! Tausendtraum-Gruß! Groovy! Liebe Kinder, ich drücke Euch die Daumen. Ihr schafft das! Ich fiebere mit, freue mich über die persönlichen Erfolge der Kinder, sehe Aufregung vor und Stolz nach absolvierter Zirkusnummer. Und immer wieder 'Klick' auf den Kameraauslöser.

Erste Vorstellung geschaftt! Es war super. Nur: meine Hände tun jetzt schon weh vom Klatschen - und ich habe mir vorgenommen, auch die weiteren fünf anzusehen...

Am nächsten Morgen Vorstellung Nummer zwei. Das gleiche Programm. Langweilig? Keineswegs. Es sind immer wieder andere Kinder und jeder interpretiert z.B. seine Rolle als Clown oder Zauberer ein wenig anders. Und ich merke: die Nummern, die die Tausendtraum-Trainer mit den Kindern einstudiert haben, sind jeweils ein klein wenig anders, nämlich immer auf die Fähigkeiten der einzelnen Kinder abgestellt. Ganz kleine jonglieren eben mit Tüchern, geht einfacher, wirkt ebenso gut, und jeder und jede nimmt seinen/ihren ganz persönlichen Erfolg mit. Überhaupt erkenne ich, wie die Trainer auf die Kinder eingehen, sie anspornen, auch nach einem misslungenen Versuch es ein weiteres Mal zu probieren, um sich dann artig zu verbeugen. Auch das kann man über die Vorstellungen hinweg bemerken: Sich den verdienten (!) Applaus abzuholen scheint manchmal gar nicht so einfach zu sein, mitunter sogar ein bisschen peinlich.

Die dritte Vorstellung am Samstag Nachmittag ist dann nochmal eine Steigerung der Spannung: Mein eigener Sohn tritt auf. Natürlich noch mehr Fotos machen, nur nichts verpassen! (Wird hoffentlich auch das Video gut?) - Halbzeit!

Und zwischendurch bemerke ich beim Blick zum klaren Himmel: Hey, es ist Ende Oktober und wir haben 15 Grad tagsüber! Und kurz denke ich an den Anfang der Geschichte und die seinerzeit ausgemalten Bilder von feucht-kaltem Herbstwetter, bei dem Kinder im Kostüm draußen vor dem Zelt warten, nass werden und frieren. Nichts von alldem, alles scheint wirklich gut zu laufen bei diesem Projekt, ja, auch das Wetter. Es macht Spaß! - Danke, an wen auch immer...

Sonntag Nachmittag- auf ein Letztes

15 Uhr - Vorstellung Nummer sechs. Soll das wirklich schon die letzte sein? Ja. Noch einmal sagt Ralf: "Wir haben zusammen mit Ihren Kindern ein rund zweieinhalbstündiges Programm einstudiert." Wieder erst die Clowns, dann die Feuerwehr. Und vielleicht gerade deshalb, weil es nun wirklich die letzte Runde ist, gehe ich nochmal besonders mit, nehme die Musik in mich auf. - Wie immer letzte Nummer: die Mal-Zauberer. Wieder steht zum Schluss "Ende" auf den Staffeleien. Diesmal stimmt´s doppelt.

Ein komisches Gefühl: viel Wehmut, ein bisschen Erleichterung. Geschafft im doppelten Sinne! Dabei hatte ich doch an diesem Wochenende gar nicht viel zu tun. Allen Grund erschöpft zu sein hätten die Leute von der Tausendtraum-Crew: bis zu drei Mal am Tag das selbe Programm nicht nur runterspulen, sondern stets -man konnte es sehen- nicht nur bei der Sache, sondern bei den Kindern sein. Zwischendurch Kinder zurück zum Hort bringen, die nächsten mit Kostümen versorgen, wieder zum Zelt zurück - Vorstellung. Und in der Pause noch Popcorn und Jonglierartikel verkaufen oder eben noch Tricks fürs Diabolo verraten... Allerhöchsten Respekt!

Alles vorbei oder: Wie schnell baut man ein Zelt ab?

Vor Bewunderung niederknien könnte ich dann schon eine halbe Stunde nach Ende der Vorstellung. Ralf, Marian und die anderen: Eben noch in Livrèe in der Manege, jetzt mit dem Zwölfeinhalb-Kilo-Hammer dabei, Zeltnägel wieder aus dem Boden rauszuhauen. Wo holt man die Energie dafür her? Oder braucht man das zum Abreagieren?

Und wieder freue ich mich auch über die Leute an unserer Schule: So viele Helfer sind beim Abbau zur Stelle, dass in rekordverdächtiger Zeit dort, wo eben noch ein Zirkuszelt stand, der gleiche öde "Acker" so brach da liegt, wie er es 10 Tage zuvor nichts ahnend getan hatte. Schade eigentlich. Ich glaube der eine oder die andere hat an diesem Abend nur schwer Abschied nehmen wollen vom Zirkus.

"...nette Schüler, jede Menge..."

Endgültig verabschieden von den Zirkusleuten wollen Arne Hoog und ich uns dann am nächsten Morgen mit ein paar frischen Brötchen zu deren Frühstück, bevor sie sich mit ihrem "Treck" von Wohnwagen, LKW und Zeltanhänger auf den Weg machen. Nichts ahnend im small talk versunken, kommen plötzlich Kinderstimmen an unsere Ohren. Es werden immer mehr - und noch mehr. Und dann glauben wir unseren Augen nicht zu trauen: Fast die ganze Schülerschaft und viele Lehrer/innen und Erzieherinnen haben sich noch einmal von der Schule auf den Weg zum Zeltplatz gemacht, um auf ihre ganz persönliche Weise Danke und Auf Wiedersehen zu sagen.

Im Halbkreis aufgestellt und von Gitarren begleitet ertönt der Franz-Marc-Blues vermutlich in der größten Besetzung, in der er jemals vorgetragen wurde. Und animiert durch "Stimmungsmacher" Arne erklingt auf dem Platz aus rund 400 Kinderkehlen ein letztes Ooh - Aah - Boah ey.

Joachim Wangnet